Bettina: Ina, du bist jetzt Coach für den beruflichen Wiedereinstieg nach der Babypause. Lass uns kurz an den Anfang zurückkehren.
Was war für dich der innere Antrieb, dich als Coach selbstständig zu machen?
Ina: Das Thema Coaching beschäftigt mich schon sehr viele Jahre. Ich habe meine Coaching-Ausbildung vor rund zehn Jahren gemacht – damals für mich, für meine Entwicklung, für mein Wachstum. Das war nach einer beruflichen Herausforderungsphase. Damals sagte ich aber immer zu mir, dass ich mich auf keinen Fall selbstständig damit machen will.
In den letzten Jahren gab es keinen einzelnen Schlüsselmoment. Aber da war ein Gedanke, der sich über mehrere Jahre hinweg immer mehr gefestigt hat. Ganz besonders durch meine eigenen Erfahrungen als Mutter. Nach der Geburt meines zweiten Kindes, in der Elternzeit, wurde mir klar: Das Thema ist mehr als Interesse. Das ist tatsächlich mein Thema.
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Bettina: Du sagst, da war nicht irgendein besonderer Moment, aber dann das Erleben nach der Geburt deiner Kinder. Coaching-Kompetenzen zu haben und zu sagen, okay, jetzt gucke ich mal, wie ich mich hier gut zurechtfinde, ist ja das eine. Aber die Idee, ich will es anderen auch noch beibringen, ist nochmal eine andere Nummer.
Warum war es das für dich – anderen den Wiedereinstieg zu erleichtern?
Ina: Ich erzähle viel über meinen Werdegang und dass ich sehr erfolgreich war in dem, was ich gemacht habe. Als ich als Mutter zurückkam, hat sich meine Welt verändert. Meine Werte haben sich verändert. Ich habe mich nicht mehr vollwertig gefühlt. Es hat irgendwas gefehlt. Ich war nicht mehr die Arbeitskraft, die ich vorher war. Ich hatte das Gefühl, ich gebe nicht mehr das, was ich vorher gegeben habe.
Da hätte ich mir jemanden gewünscht, mit dem ich das durchsprechen kann. Was ist da mit mir? Was sind die Rollen, die ich habe? Wie kann ich die ausfüllen? Was kann ich auch fordern?
Das alles hat mir damals gefehlt. Ich dachte wirklich, ich muss das mit mir selber ausmachen. Ich habe versucht, mit meinem Partner darüber zu kommunizieren, aber er hat es gar nicht verstanden. Es war total schwierig nachzuvollziehen, wie es mir innerlich geht und warum ich dieses Gefühl hatte – dieses Thema Teilzeit, ich komme in Teilzeit zurück und bin nicht mehr vollwertig.
Bettina: Ich erinnere mich noch an unser erstes Kennenlernen. Für dich war diese Ausrichtung schon klar, so wie du sie gerade erzählt hast. Es soll um Unterstützung von Frauen gehen, die aus der Elternzeit wieder in den Job wollen. Man könnte ja denken, das ist eigentlich schon eine ziemlich klare Ausrichtung. Trotzdem hast du Unterstützung gesucht und mein Programm Erfolg Story gebucht.
Was war die konkrete Herausforderung, als du beschlossen hast, das Programm zu buchen?
Ina: Ich hatte diese Grundidee, aber es war keine innere Klarheit. Ich wusste, ich möchte Frauen unterstützen, vielleicht auch in der Elternzeit, aber es war nicht ganz abgestimmt – welche Frauen und in welcher Phase wirklich.
Was mir wichtig war: Passt dieses Thema überhaupt zu mir? Ich hatte gezweifelt, ob das, was ich erlebt habe, nur meine eigene Geschichte ist oder ob darin auch etwas Allgemeingültiges liegt.
Ich hatte einen inneren Konflikt. Ich hatte beruflich früh viel erreicht und eine klare Identität. Die Frage war: Will ich das wirklich loslassen? Will ich wirklich von Neuem anfangen?
Das hat sich für mich so angefühlt, als ob ich alles loslasse, was ich bis jetzt gemacht habe, komplett neu anfange und mir eine neue Identität gestalten muss. Rational war die Entscheidung längst da, aber emotional habe ich es nicht geschafft, mich da rüberzubringen.
Bettina: Du sprichst von einem inneren Konflikt und beschreibst Prozesse, die wirklich in deinem Inneren abgelaufen sind. Das passt zu dem, was ich immer sage: Positionierung geht von innen nach außen. Es braucht erstmal innerlich eine Form von Klarheit. Ich meine damit, dass der Erfolg im Business bei der eigenen Persönlichkeit anfängt.
Wie hast du herausgefunden, was aus deiner Lebensgeschichte relevant ist für deine Positionierung?
Ina: Ich habe mich immer wieder damit beschäftigt, was meine Persönlichkeit im beruflichen Kontext ist – junge Frau in einer Führungsrolle, in einer Männerumgebung. Aber fürs Coaching bin ich gar nicht auf die Idee gekommen. Das war mir nicht bewusst. Mir wurde erst durch dich bewusst, dass das nur so funktionieren kann – nur durch meine Persönlichkeit.
Wir haben uns meine Schlüsselerlebnisse angeguckt, sowohl die Erfolge als auch die Herausforderungen. Für mich war das wie ein Puzzle. Ich habe alles aufgeschrieben, was mir in den Kopf kam, und dann haben wir gemeinsam nach und nach ein stimmiges Bild erarbeitet. Erst durch das Aufschreiben ist ein Gesamtbild entstanden.
Bettina: Ich erinnere mich an ein paar Sätze aus unseren Calls. Du hast mal gesagt: Wenn man möchte, dann schafft man es auch oder Ich liebe Entwicklung und ich hatte immer Menschen, die etwas in mir sehen.
Was bedeuten Sätze wie „Wenn man möchte, schafft man es auch“ für deine Arbeit?“
Ina: Diese Sätze waren mir zum Teil gar nicht so bewusst. Ich weiß natürlich, ich habe die innere Überzeugung, dass ich alles schaffen kann, wenn ich will, wenn ich mich anstrenge. Aber für mich waren diese Sätze dann tatsächlich Ressourcen, die wir sichtbar gemacht haben.
Das sind meine Werte, meine Haltung. Die geben mir heute Orientierung in allem, was ich mache. Besonders prägend war die Erkenntnis, dass ich in meinem Leben immer Menschen hatte, die etwas in mir gesehen haben.
Bettina: Du hast auch eine Lebensgeschichte, die an Ortswechsel gebunden ist.
Kannst du ein Beispiel erzählen?
Ina: Ich bin mit neun Jahren nach Deutschland gekommen. Ich kannte die Sprache gar nicht. Es ist total schwierig, einfach irgendwo reinzukommen, wo du die Sprache nicht sprichst. Ich hatte dann eine Lehrerin, die mich an die Hand genommen hat. Wir haben Diktate geschrieben und meine Diktate waren – was soll man da erwarten? – schlecht. Ich hatte zigtausend Fehler, weil ich die Sprache nicht konnte.
Sie hat mich dann zur Seite genommen. Sie hat Kontakt zu mir gesucht, darüber hinaus. Und hat mich zum Beispiel zum Essen eingeladen. Das bleibt einfach in Erinnerung. Das hat sie nicht machen müssen. Das hat sie über ihre Rolle hinweg gemacht. Das war ihr ein Bedürfnis.
Damit hat sie mir so viel geschenkt: gesehen zu werden, zu wissen, okay, da ist jemand, ich kann an sie rangehen. Und ich bin nicht verloren, nicht doof, nicht unfähig, sondern es ist jetzt einfach diese Phase.
Ein paar Jahre später durfte ich als Schulbeste diese Grundschule verlassen. Aber wenn sie nicht da gewesen wäre – ich weiß nicht, wie viel ich an mir gezweifelt hätte. So gab es immer wieder Phasen, wo ich gemerkt habe: Da reicht mir jemand die Hand, da sieht jemand was in mir, da glaubt jemand an mich. Dadurch wurde mir so viel Wachstum geschenkt. Das ist etwas, wo ich sehe: Das möchte ich weitergeben, diese Unterstützung, diesen Halt.
Bettina: Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass es nicht nur um das konkrete Erleben geht. Du hast eine Situation erlebt, die für dich positiv war. Aber es geht auch darum, wie du das reflektierst und wie du diese Erkenntnis aus deiner Lebenserfahrung für deine Öffentlichkeitsarbeit nutzt. Die Über-Mich-Seite ist die Bühne schlechthin.
Was erzählst du auf deiner Über-Mich-Seite und warum?
Ina: Ich beschreibe Erlebnisse und Schlüsselerfahrungen, sowohl die positiven als auch die herausfordernden. Ich zeige meinen beruflichen Erfolg, aber auch die inneren Hürden, die ich erlebt habe, als ich als Mutter nach der Elternzeit zurückkam – wie es mir da gegangen ist.
Dieses Gefühl, dass ich nicht mehr dazugehört habe und niemanden wirklich gerecht machen konnte. Ich schreibe darüber, weil es meine eigenen Erfahrungen sind. Ich muss mir da nichts ausdenken. Das kommt aus meinem Leben. Das bin wirklich ich. Und ich weiß, dass die Kundinnen, die ich begleiten möchte, sich darin wiederfinden.
Bettina: Wie ist es dir dabei ergangen, diese Texte zu schreiben? War das ratzfatz fertig oder gab es Hürden?
Was hat dir beim Schreiben geholfen?
Ina: Das Schreiben hat sehr viel Spaß gemacht, aber war es leicht? Nein, auf keinen Fall. Ratzfatz erledigt auch nicht. Ich hätte alleine wesentlich länger gebraucht und hatte zu dem Zeitpunkt auch nicht das Verständnis, was ich auf meiner Über-Mich-Seite schreiben möchte.
Ich dachte immer, das ist eher: Was habe ich für Erfahrungen gemacht und so weiter – nicht welche Schlüsselerfahrungen. Also was hat mein Leben geprägt und wer bin ich?
Hilfreich war definitiv die Struktur, die du gegeben hast, dass du mich begleitet hast, dass wir reflektieren konnten. Ich konnte erzählen: Ja, guck mal, das habe ich erlebt, aber ich weiß gar nicht, wie mir das jetzt helfen soll. Aber du hast das immer wieder Stück für Stück hervorgebracht und gesagt: Guck mal, schau dir das mal an.
Das ehrliche Feedback, das ich von dir bekommen habe, ist einfach unglaublich. Ohne diese Struktur, diese Hilfestellung hätte ich das gar nicht so hingekriegt. Ich hatte eine ganz andere Idee von einer Über-Mich-Seite.
Heute fühlt sich das total gut an, weil ich weiß: Ich muss nichts erfinden. Das bin tatsächlich ich. Ich muss mich nicht verstellen. Entweder das, was ich da spiegele – mit meinen Werten, mit meiner Haltung – passt oder eben nicht.
Bettina: Wenn man anfängt, über Persönliches nachzudenken, ist immer auch die Frage: Wo ist vielleicht eine Grenze, zu persönlich zu werden?
Wie gehst du mit der Grenze um: Was ist zu persönlich für die Über-Mich-Seite?
Ina: Ich habe Schlüsselerlebnisse angeguckt und dann auch überlegt: Zeige ich mich damit verletzbar? Durchaus. Aber ich wollte das zeigen. Ich wollte das präsent machen. Ich wollte meinen Kundinnen auch zeigen: Guck mal, das bin ich, diese Erfahrung habe ich gemacht. Bei mir lief nicht alles super glatt und ich bin jetzt hier und will dich unterstützen. Auch ich musste durch schwere Phasen durch.
Ich hatte am Anfang überlegt, soll ich diese Phasen da reinschreiben, passt es, was ich zeigen möchte. Aber am Ende habe ich mich entschieden, das zu zeigen, weil es auch meine Verletzlichkeit zeigt. Es zeigt, wie ich damit umgegangen bin, wenn ich eine Herausforderung hatte. Was ist meine Sichtweise auf die Dinge? Deswegen finde ich das heute gar nicht so schlimm, dass das da steht, dass das erwähnt wird.
Bettina: Lass uns einen kleinen Gedankensprung in die aktuelle Diskussion machen: KI begegnet einem ja rauf und runter, ist relevant und wird immer relevanter werden. Jetzt könnte man sagen, okay, ich diskutiere mit ChatGPT. Das ist mein Sparringspartner und ich entwickle damit meine Positionierung.
ChatGPT statt 1:1-Begleitung bei der Positionierung?
Ina: Ich sehe diese Tools als hilfreiche Unterstützung und verwende die auch täglich, um mir bei bestimmten Themen eine erste Orientierung zu geben oder ein Grundverständnis zu erarbeiten. Deswegen finde ich das absolut hilfreich. Wenn ich was Neues ausprobieren möchte, lasse ich mich immer inspirieren und gucke, was ist schon da.
Für mich ist es aber so: Dieser Unterschied, diese eigene Stimmigkeit, meine Einzigartigkeit – und die Frage, passt ein Thema zu mir, so wie ich bin – das kriege ich mit ChatGPT nicht raus. Das funktioniert für mich wirklich nur im echten Austausch mit einer Person.
Als Hilfestellung definitiv. Aber wenn man weitergehen will und gucken will: Ist das wirklich mein Thema? – da hilft nur der Mensch, ein Gespräch, ein Austausch.
ChatGPT ist richtig gut und kann tolle Texte machen. Aber wenn ich möchte, dass das nicht zu generisch wird und nicht austauschbar wird – weil ich das mit meinen Erfahrungen unterfüttere, um am Ende die richtigen Kunden anzuziehen –, dann brauche ich jemanden, der mich unterstützt, der mich kennenlernt, so wie ich bin, wie ich spreche, wie ich denke, wie ich fühle, und es dann gemeinsam auf die Seite bringt.
Bettina: Viele Coaches stehen an einer ähnlichen Stelle wie du vor einem Jahr und überlegen, ob und welche Art von Unterstützung sie brauchen. Man findet ja für alles Informationen im Netz – wie baue ich meine Webseite, wie schreibe ich Angebotsseiten, wie mache ich Landing-Pages. Also mache ich das selber? Buche ich ein Gruppenprogramm?
Du hast dich für 1-zu-1-Unterstützung entschieden – warum?
Ina: Ich hatte mich bereits sehr viel mit dem Thema auseinandergesetzt – wie mache ich mich selbstständig, was ist danach zu tun, Finanzamt und so weiter. Diese ganzen Themen hatte ich eigentlich schon verinnerlicht.
Für mich war entscheidend: Ich will mein Thema nochmal angucken. Passt das zu mir? Ist das das Richtige? Wird das nachgefragt? Das war für mich nicht möglich mit einem Gruppencoaching. Da brauchte ich wirklich jemanden, der das schon mal gemacht hat, der diese Erfahrung hat und der mich mitnehmen kann auf seiner Reise – und von dem ich lernen kann, auch bei den Fehlern, die er vielleicht gemacht hat.
Ich habe mir dich zum Geburtstag geschenkt letztes Jahr, weil ich gesagt habe: Dieses dauernde in meinem Kopf herum – ich bin einfach nicht vorwärtsgekommen. Es waren immer wieder die gleichen Gedanken. Dieses ja, aber und ja, genau das Thema, aber so. Ich bin nicht weitergekommen.
Deswegen war für mich klar: Ich will jemanden an die Hand bekommen, der selber schon mal diesen Weg gegangen ist – fokussiert, aber auch ohne Umwege an meinem Thema und an meiner Nische zu arbeiten.
Bettina: Wir haben von manchen Herausforderungen gesprochen. Lass uns das Ganze mit deiner Vision schließen.
Warum tust du, was du tust? Wobei willst du die Welt ein kleines bisschen besser machen?
Ina: Ich setze mich für eine Arbeitswelt ein, in der Mütter nicht abgeschrieben werden, sondern gestärkt. Ich unterstütze Frauen, weil ich selber so eine Phase durchgemacht habe und weil ich mir damals wirklich jemanden gewünscht hätte, der an meiner Seite steht, der mich stärkt und der mich ernst nimmt.
Bettina: Schöne Botschaft. Ganz herzlichen Dank, liebe Ina, für die Einblicke. Ich hoffe und denke, dass der eine oder andere beim Lesen innerlich genickt hat und gespürt hat: Ja, mir geht’s ähnlich.
Ina: Danke dir.

Ina Nuss
Coach für den beruflichen Wiedereinstieg nach der Babypause

